WAS HAT EIN KOCHSEMINAR IN DER  ARCHITEKTURAUSBILDUNG ZU SUCHEN?

Der Lehrstuhl Darstellen und Gestalten in der Architekturausbildung an der Bergischen Universität Wuppertal betont und untersucht die künstlerische Seite in der Architektur. Er möchte Designer schulen die eigenständig denken und sich besonders den plastischen Möglichkeiten, der Materialität von Architektur und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung widmen. Dabei ist jede Möglichkeit, die klassischen Trampelpfade der Ausbildung zu verlassen, willkommen.

Über einen genderbezogenen Lehrauftrag mit dem Düsseldorfer Künstler und Koch Arpad Dobriban für Studierende des 3. und 4. Semesters wurde der Versuch unternommen, Analogien in der Bedeutung der Materialität zwischen Kochen und Architektur zu beleuchten sowie die Geschlechterrollen beim Kochen zu thematisieren. Von Zutaten einer eher unmodern anmutenden Küche ausgehend: Milch-Eier-Mehl haben die grundlagenforschenden Studierenden unter der Leitung von 

Arpad Dobriban einfachste Gerichte gekocht, gebacken, gebraten und zusammen verzehrt. Die Frage nach den Geschlechterrollen bei der Zubereitung von Nahrung, der Faktor Zeit in unserer beschleunigten Welt, das Banale, Randläufige, Alltägliche unserer Essgewohnheiten wurde aufgegriffen und diskutiert. Grundlegend für das Verständnis unserer komplexen Welt im Allgemeinen und der komplexen Welt der Architektur im Besonderen ist das genaue Hinsehen,
das Betasten, das direkte Formen mit den Händen. Die Wege zu unkonventionellen Formfindungen und Lösungsansätzen werden hier untersucht und erprobt. So versteht sich das Fachgebiet Darstellen und Gestalten gewissermaßen als »Labor für künstlerische Elementarteilchenforschung«.
Es werden grundlegende plastische Erfahrungen mit unterschiedlichen Materialien vor unserem kulturellen Hintergrund gemacht. Dabei kann es für die Studierenden genauso aufschlussreich sein, mit Brot- oder Nudelteig zu arbeiten anstatt mit Ton oder Gips. Aus Grundsubstanzen entstehen durch entsprechende Umwandlungsprozesse in der Architektur Gebäude und beim Kochen Gerichte. Die Quellen der Inspiration sind unermesslich und die Fähigkeit, Analogien zwischen unterschiedlichsten Bereichen zu erkennen, ist für das Studium der Architektur von überragender Bedeutung.

TEXT: HEINRICH WEID, FB D Architektur, seit 2005 Professor für Darstellen und Gestalten in der Architekturausbildung